Freitag, 23. September 2016

Mission Muir Wall



Heuer im Frühjahr war ich zusammen mit meinen beiden Freunden Much Mayr und Ben Lepesant aus Innsbruck im kalifornischen Yosemite Valley. Unser Ziel war es, den 1000 Meter hohen El Capitan über eine schwierige Route frei zu klettern. Für Much, der bereits die großen El Cap Routen wie „El Nino“, „Golden Gate“, „Freerider“ und die „Salathe Wall“, freiklettern konnte, war daher die „Muir Wall“, bzw. „The Shaft“ ein logisches Ziel. Ben, der auch auf eine beachtliche Ausbeute an harten technischen Bigwalls zurückblicken kann, wollte uns, so gut es geht, bei unserer Mission unterstützen und zudem noch einige Bilder schießen. Für mich war es schon lange ein großes Ziel den El Cap freizuklettern. Im Oktober 2015 scheiterte ich mit meinem Kumpel Simon Berger nur haarscharf an einer erfolgreichen Begehung der „Golden Gate“. Den Traum, die goldgelbe Riesenwand eines Tages in freier Kletterei zu bewältigen, verwarf ich deswegen aber nicht. Im Gegenteil. Ich war umso motivierter, so schnell wie möglich ins Tal der Täler zurück zu kommen.

MAI 2016
Wir sind zurück. Nach dem üblichen Shoppingwahn und dem Anstellen in der Schlange vor dem Rangerhäuschen im Camp 4, versuchten wir zügigst unseren Jetlag an den umliegenden Boulderblöcken abzustreifen. Dann waren wir auch schon im sogenannten „Muir Blast", den ersten 12 Seillängen der „Muir Wall“ unterwegs. Feinste El Cap Riss- und Verschneidungskletterei war die perfekte Einstimmung auf das, was uns in den nächsten Tagen in der Wand erwarten sollte. Die 5.13b (8a) Seillänge gelang uns beiden im zweiten Anlauf, beiden im Vorstieg, denn genau so wollten wir die Route angehen, die 5.13 er Längen beide im Vorstieg, den Rest klassisch im Überschlag.
Auf den „Heart Ledges“ trafen wir auf Ben, der über die eingerichtete Fixseilpiste bereits 30 Liter Wasser die Wand hoch geschliffen hatte und nebenbei noch einige coole Bilder von uns geschossen hat. Wir seilten ab und verbrachten die nächsten 3 Regentage in Oakhurst im Motel bei Sushi, DVD´s und Whirlpool.

Am nächsten Schönwettertag erwarteten uns die glatten Längen bis zu den „Gray Ledges“, welche wir auf Anhieb hinter uns bringen konnten. Wir errichteten unsere Portaledges und über uns baute sich die spiegelglatte Riesenverschneidung namens „Silverfish Corner“ 5.13b auf, welche eine der größten Hürden der Route darstellt. Diese Länge kostete uns den ganzen nächsten Tag. Much kletterte im 2.Versuch souverän bis wenige Meter unter den rettenden Stand, doch dann rutschte sein Fuß von einem der glatten Tritte und der Versuch war gescheitert. Für mich fühlte es sich nicht gerade vielversprechend an und nach 2 Versuchen beschlossen wir hitzebedingt eine lange Pause bis in den Abend einzulegen. Dann versuchte ich erneut mein Glück und kämpfte mich von Klemmer zu Klemmer und meine Skwamas blieben auf den Minitritten stehen. Es war ein echter Kampf und überglücklich erreichte ich den Stand. Ich hatte die Länge hinter mir. Jetzt fehlte nur noch Much. An dieser Stelle hätte ich echt nicht mit ihm tauschen wollen, es war bereits beim dämmrig werden und wir alle wussten, das wird der letzte Versuch des Tages werden. Anspannung und das Wissen, bei jedem Meter könnten die Füße rutschen, waren keine guten Begleiter, doch Much bewies wiedermal sein enormes Nervenkostüm und gab mehr als 100%. Es war ein echter Krimi und als er den Stand erreicht hatte, fiel die Anspannung von uns allen ab, wie ein schwerer Haulbag. Da wir nicht genug Proviant für die nächsten 4 Tage in der Wand dabei hatten, mussten wir mit den Stirnlampen abseilen. Zwei Tage später waren wir zurück, mit genug Wasser und Essen für unsren finalen Push. Der Tag begann mit der 5.13a Traverse, welche mir im 2.Versuch und Much im flash gelang. Danach folgten anstrengende Rissseillängen in allen Größen, ehe wir die berüchtigte „Death Block“- Seillänge erreichten, eine 5.12a-Tortur mit einer 4 Meter langen Wackelschuppe 600 Meter über dem Einstieg der Nose, wo zu jeder Tages- und Nachtzeit Betrieb herrscht. Man möchte sich also nicht vorstellen, welchen Schaden die Schuppe anrichten kann, wenn sie aus der Wand fliegt. Much meldete sich schon vorzeitig zum Vorstieg dieser Seillänge an, was mir nicht unrecht war. Unbeeindruckt rampfte, stemmte, schrubbte, drehte und quetschte er sich nach oben. Ich stieg die Länge mit der Stirnlampe nach und war froh, dass ich nicht das scharfe Ende des Seiles erwischt hatte. Im Dunkeln errichteten wir die Portaledges und verbrachten die Nacht im Hängestand. Am nächsten Morgen erwartete mich dann eine 5.12d „Sustained Stemming“ Seillänge zum Frühstück. Es fühlte sich tatsächlich so an, als ob ich das Frühstück dieser spiegelglatten Kaminverschneidung war. Ich kämpfte mich Zentimeter für Zentimeter nach oben und bald war mir klar, entweder jetzt oder nie. Ich wollte die Länge auf gar keinen Fall ein zweites Mal klettern. Meine Knie wurden trotz Knieschützer dermaßen ramponiert, dass ich glaubte, das kann jetzt nicht mehr gesund sein. 3 Meter unter dem Stand rutschte ich völlig entkräftet aus der Verschneidung. Es war zum Verzweifeln. Sollte hier alles enden? An dieser höllischen Kaminverschneidung? Auch Much erging es gleich und er boulderte sich die letzten Meter nochmals gut aus und legte mir nahe, dies auch zu tun. So stieg ich an den Jümars nochmals hinauf um Material, (Haut, Kraft, Motivation) zu sparen und fand eine für mich brauchbare Methode. Dann brachte Much das Ungetüm hinter sich. Meine grüne Gesichtsfarbe hatte sich nach der langen Pause wieder auf normal gestellt und auch ich konnte diese abgefahrene Länge klettern, die, wenn man weiß wie es geht irgendwie doch ganz cool zu klettern ist. Die nächsten Seillängen waren wie eine Erholung. Griffe und Tritte, wie schön doch das gewohnte Klettern sein kann. Wir errichteten unser Lager hoch oben in der Muir Wall, gönnten uns ein reichhaltiges Abendessen mit Thunfisch Burritos, Käse und Pürree und wussten, die härteste Nuss wartet noch auf uns, zwei Seillängen unter dem Ausstieg. 

Am nächsten Tag kletterten wir bis zur letzten 5.13c Verschneidung, boulderten diese im Schnelldurchlauf aus und in der Nacht und am Morgen wurden wir vom starken Wind in den Portaledges hin und hergeschüttelt. Wir wussten, die Länge wird uns nochmal alles abverlangen. Aber so ist das eben, am El Cap wird einem nichts geschenkt und wenn man so eine Tour freiklettern will, dann muss man mit jeder Herausforderung umgehen können. Ich war an der Reihe und konnte eigentlich recht schnell eine perfekte Sequenz finden. Das größte Problem war jedoch, sich die komplexen Bewegungsabläufe und Trittsequenzen zu merken. Auch Much fand eine für ihn passende Abfolge von spiegelglatten Reibungstritten um sich in der dünnen Fingerrissverschneidung nach oben zu arbeiten. Dann wagte ich einen ersten, etwas halbherzigen Versuch und scheiterte nur knapp, der Mikrokeil an der Schlüsselstelle war somit eingestürzt und hatte gehalten. Auch Much scheiterte nur knapp. Wir wussten wir können die Länge schaffen, die Kraft und die Haut auf den Fingern waren der limitierende Faktor. Wasser hätten wir zur Not noch für 2 Tage gehabt, allerdings sagte der Wetterbericht für die nächsten Tage, schlechtes Wetter voraus. Es ist schon ein abgefahrenes Gefühl, wenn man beinahe 1000 Meter Luft unter den Sohlen hat, in einer glasig, glatten Verschneidung, wo man bei jedem Zug ausrutschen kann, drinsteht und einfach daran glauben muss, dass man das jetzt schafft. Und genau das tat ich. Ohne Druck, ohne Erwartung und ohne Angst zu scheitern, stieg ich ein und wie entfesselt konnte ich diese letzte Hürde hinter mich bringen. Am Stand angekommen, konnte ich es kaum glauben. Meine erste El Cap Route in freier Kletterei. Der absolute Wahnsinn!!! Zurück am Stand umarmte mich Much und freute sich für mich, dass ich es geschafft hatte.  Das war aber erst die halbe Miete, denn nun lag es nochmal an Much, Nerven zu bewahren, doch genau darin liegt seine Stärke. Nach einer langen Pause machte er sich bereit und nach kurzer Zeit fand der Versuch sein Ende und zwar am Standplatz!!! Wir jubelten, freuten uns wie kleine Kinder und kletterten im Nieselregen über die leichten Ausstiegslängen. Für mich war ein langjährig gehegter Traum in Erfüllung gegangen und mit Much und Ben hatte ich die beiden perfekten Partner für dieses Unternehmen. Wenn ich die ganze Aktion in ein Wort packen müsste, dann würde ich wohl schreiben: DANKBARKEIT!!!

Mein großer Dank gilt auch meinen Sponsoren und Partnern für ihre großzügige Unterstützung, dass ich meine Kletterträume realisieren kann. 
Danke!!! Adidas Outdoor, Terrex, Adidas Sportseyewear, Petzl, Lasportiva, Rock´n Roll Mountainstore, Headstart, Pieps. 
Much: La Sportiva, Skylotec

Guido Unterwurzacher

Nach der Erstbegehung durch Tommy Caldwell und Justen Sjong (US), gelang Tobias Wolf und Thomas Hering (D) die erste Wiederholung, Alex Honnold (US) die zweite Wiederholung und Much Mayr und Guido Unterwurzacher die vermutlich dritte Wiederholung.

In den Meadows (c) Ben Lepesant

Materialsortieren (c) Ben Lepesant

"Silverfish Corner" 5.13b (c) Ben Lepesant

Glatte Verschneidung in "The Shaft" (c) Ben Lepesant

Much in der "Silverfish Corner" 5.13b (c) Ben Lepesant

Much in Action (c) Ben Lepesant

Der längst gewohnte Tiefblick (c) Ben Lepesant

Am Hängestand unter der "Sustained Stemming" Seillänge (c) Ben Lepesant

Überglücklich am Gipfel des El Capitan mit Much und Ben (c) Selbstauslöser 

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